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Gespräche mit den Filmemachern

Es scheint, als würden Sie für sich den Begriff „Net-Art“ auf eine ganz spezielle Weise interpretieren. Da, wo es sonst meist um Stichworte wie „Web“, „Hypertext“ oder die selbstverständliche Nutzung der technologischen Möglichkeiten des Internets geht, wo andere das Internet vielfach aus militanten Motiven als Vehikel für Informationen einsetzen, scheinen Sie sich vor allem für das narrative und poetische Potenzial dieses Mediums zu interessieren.
Sagen Sie uns doch etwas mehr darüber und wie sie die Interaktivität einsetzen.


Es ist tatsächlich so. Aber Ausgangspunkt unserer Arbeit ist dennoch immer das Trägermedium, das zur Verbreitung der Informationen dient. Wozu dient das Internet? Zur Herstellung von Verbindungen, von Links. Multimedia ist die Kunst der Verbindung, der Beziehung, der Annäherung. Und damit ist natürlich nicht das Anschließen von Kabeln oder Netzwerksteckern gemeint!
Was uns bei einer solchen Verbindung wichtig ist, ist nicht das Trägermedium, sondern es sind die damit erzielten Wirkungen. Wenn sich zwei Menschen begegnen, kommt es nicht darauf an, wie sie miteinander kommunizieren, sondern was vom einen auf den anderen übergeht. Man sollte schon so ehrlich sein zu sagen: Die Message ist wichtiger als das Medium. Natürlich haben wir uns bewusst mit Themen beschäftigt, die zu diesem Konzept der Internetnutzung passen: In einem ersten Projekt vor zwei Jahren ging es um eine Liebesbeziehung und nun, bei diesem neuen Projekt, sind es die Beziehungen zwischen verschiedenen Generationen. Dabei behandeln wir dieses Thema selbstverständlich nicht dokumentarisch, sondern vielmehr in Kategorien von Distanz und Annäherung.

Schon bei der prinzipiellen Gestaltung der Website haben Sie sich offenbar gezielt für den leeren Raum entschieden, in dem sich die Bilder bewegen können...

Das Witzige daran ist, dass diese Lösung, für die wir uns letztlich entschieden haben, um interessante Möglichkeiten der Interaktivität zu schaffen, genau das Gegenteil dessen darstellt, was aktuell im Trend liegt. Während jeder im Internet bemüht ist, möglichst großformatige Videobilder auf den Schirm zu bringen – also das, was man häufig als „Vollbildmodus“ angeboten bekommt -, haben wir ganz bewusst das Format unserer Videos reduziert, damit sie sich auf der leeren Fläche der Seite bewegen lassen. Das ist ja schließlich auch irgendwo logisch, denn wenn der Bildschirm voll ist, kann man ja nichts mehr hinzufügen – eigentlich kann nichts mehr wirklich passieren. Das Bild steckt gewissermaßen fest.

Der Raum zwischen den Bildern auf dem Bildschirm entspricht in gewisser Weise dem physischen Raum, in dem sich die Figuren bewegen und der Zeit, die die 4 Generationen voneinander trennt, oder ?

Ja. Genau deshalb muss zwischen den Bildern Raum frei bleiben. Damit man sie zueinander schieben und die Distanz beziehungsweise die Verbindungen sehen kann, die zwischen den Personen entstehen.

Aber wozu den Zuschauer aktiv einbeziehen?

Weil Beziehungen in einem sehr engen Zusammenhang zum Körper stehen. Weil Bilder unbedingt wieder etwas Intuitives bekommen müssen, etwas, dass über das rein Bewusste hinausgeht. Der Körper muss am Blick teilnehmen. Man soll Bilder wieder „in die Hand“ bekommen können - um sie zum Leben zu erwecken, zu reanimieren. Denis de Rougemont hätte es "mit den Händen denken“ genannt. Das ist sehr wichtig, denn zum ersten Mal ist man nun nicht mehr mit einem Fluss von Bildern konfrontiert, den man nur passiv über sich ergehen lassen kann. Die Bildern atmen im gleichen Rhythmus wie ich selbst. Sie passen sich meinem Rhythmus, meiner Atmung an. Mein Körper reguliert selbst den Bilderfluss. Deshalb handelt es sich dabei übrigens auch um eine im eigentlichen Sinn individuelle und intime Erfahrung. Eine persönliche Erfahrung, die man unter den richtigen Bedingungen machen muss, um sie wirklich genießen zu können: allein, in Ruhe und aufnahmefähig.

Das widerspricht einem Zitat von André Breton, der sagte: „Es wird der Tag kommen, an dem die Bilder den Menschen ersetzen werden und dieser keinen andere Daseinszweck mehr haben wird als zu betrachten. Wir werden nicht mehr Lebende, sondern Sehende sein“.

Genau. Versuchen wir, lebendig zu bleiben! Vor allem, weil die Tatsache, dass wir vor einem Bildschirm sitzen, uns keineswegs allein schon zu Sehenden macht. Ganz im Gegenteil, wie Serge Daney sagte: „l'écran fait écran“ - der Bildschirm schirmt ab. Und der Computerbildschirm tut dies mindestens genauso sehr wie jeder andere. Die einzige Lösung ist, dass die Bilder den Bildschirm sprengen, dass sie nicht mehr darin eingesperrt bleiben, wie Fische, die man durch die Scheibe eines Aquariums betrachtet, sondern sich nach draußen bewegen, über die Oberfläche hinaus, frei beweglich. Damit man sie wirklich fassen und reanimieren kann. Jedes Bild schwebt nämlich in einer Raumzone. Jedes Bild hat seinen Gleichgewichtspunkt und wartet darauf, gestört zu werden. Sie sind wie Aufhängungspunkte...

Es geht also letztlich darum, Distanz zwischen uns und die Bilder zu bringen, um uns ihnen schließlich besser annähern zu können?

Ja. Deshalb muss man Raum zwischen die Bilder bringen, mental wie physisch. Man muss ihnen Zeit lassen.
Man muss sie im leeren Raum aufhängen, wie zum Trocknen aufgehängte Negative von Fotografien. Man muss sie auf der Bildschirmoberfläche dahintreiben lassen, um zu sehen, welche sich gegenseitig anziehen oder aber abstoßen. Hat sich die Distanz einmal eingestellt, kann man die Verbindung herstellen. Während die Bilder seit hundert Jahren immer näher auf uns zu gekommen sind wie ein Bulldozer, von der Kinoleinwand auf den Fernsehschirm, dann vom Fernseher auf den Computer, um demnächst irgendwann in unserem Auge selbst zu sitzen, macht es die Interaktivität nämlich möglich, indem sie den Körper mit ins Spiel bringt, wieder Distanz zwischen uns und die Bilder zu bringen – oder genauer gesagt: sie erlaubt uns wieder, zum Kern des Themas vorzudringen, in einem Wort: die Dinge wieder selbst in die Hand zu nehmen. Man muss mit dieser Distanz arbeiten, um aus jedem Bild so etwas wie einen „Bildschirmschoner“ zu machen.

Interaktivität ist ein Konzept, das heutzutage sehr häufig genutzt wird. Sie verstehen Interaktivität aber ganz anders. Wie lautet Ihre Definition ?

Vielleicht sollte man Interaktivität ganz einfach so beschreiben: Wenn ich ein Bild berühre, werde ich von diesem Bild auch berührt.

Abgesehen von der Interaktivität: Welche Unterschiede bestehen für Sie zwischen diesem Projekt und einem „herkömmlichen“ Film ?

Die Interaktivität hat tatsächlich starke Auswirkungen darauf, wie man einen Film aufbaut und formal gestaltet. Der wichtigste Aspekt ist, dass man bedenken muss, dass die Schnittbearbeitung nicht mehr nach zeitlichen, sondern nach räumlichen Kriterien erfolgt. Das verlangt eine völlig andere Denkweise. So sind beispielsweise die Videosequenzen häufig Endlosschleifen, was bei einem „normalen“ Film praktisch nie der Fall ist. Der erwähnte „räumliche Schnitt“ hat außerdem Einfluss darauf, wie man die Audio-Untermalung gestaltet. Auch hier verwendet man vielfach Endlosschleifen, die unabhängig von den Bildern und von dem Moment sein müssen, in dem der Zuschauer ein Ereignis auslöst. Die Audioelemente müssen dazu wie „Klangteppiche“ konzipiert werden, die zu jedem beliebigen Zeitpunkt hinzugefügt oder weggelassen werden können. Das ist etwas ganz anderes als bei einem „normalen“ Film, wo Ton und Bild völlig synchron sind und man exakt weiß, wie lange eine Tonsequenz dauert.

Und das Drehbuch selbst ist offenbar auch nicht narrativ gestaltet, das heißt, nicht angelegt, um eine Geschichte zu erzählen, nicht wahr ?

Richtig. Wir bezeichnen es als „Infra-Story“, das heißt als eine nicht narrative Abfolge von Sequenzen, von „Beinahe-Geschichten“. Das Bindeglied zwischen diesen Sequenzen ist einfach die Gemeinsamkeit eines Themas oder der Orte und Personen, die darin vorkommen. Die Beziehungen zwischen den Ereignissen sind bewusst vage und distanziert. Pierre Reverdy drückt es so aus: "Je mehr die Beziehungen zwischen zwei einander nahen Wirklichkeiten voneinander entfernt und richtig sind, desto stärker ist das Bild“. Diese – unpräzise - Form der Erzählung geht in die Richtung dessen, was wir das „Miterleben der Ungewissheit“ nennen. Was uns daran besonders attraktiv erscheint, ist die offenkundige Lust über Dinge zu reden, deren Sinn oder Funktion man nicht kennt. Nicht etwa, um Antworten geben zu wollen. Sondern vielmehr, um das darin steckende Geheimnis wie einen Schatz zu bewahren. Es geht um den Versuch, winzige, fragile Augenblicke so in Szene zu setzen, als seien sie kostbarste Preziosen. Und sie einander einfach auf dem Bildschirm begegnen zu lassen...

Auch die Welt, in der sich die Figuren bewegen, erscheint ungewiss, vage. Es gibt kaum Hinweise zur räumlichen oder zeitlichen Orientierung...

Das war eine der Grundlagen für dies Projekt. Die Ungewissheit kommt auch darin zum Ausdruck. Was die Szenerie angeht, haben wir nach einem Haus gesucht, das gleichzeitig das Gefühl vermittelt, schon lange bewohnt zu sein, andererseits aber nicht gleich Erinnerungen an eine bestimmte Epoche weckt. Mit einem archetypischen, relativ neutralen Interieur. Aus dem gleichen Grund haben wir als zweite Kulisse einen Strand gewählt, einen von Natur aus beliebig wirkenden Ort, der sich geografisch nicht präzise festlegen lässt.
Auch unsere Kostümbildnerin hat in diesem Sinne gearbeitet. Sie hat die Garderobe vom Schnitt und den verwendeten Geweben her typischen Kleidungsstücken einer Epoche nachempfunden und sie anschließend wieder neu zusammengefügt, kombiniert und vereinfacht, um den Eindruck zu „verwischen“ Für das kleine Mädchen etwa hat sie mehrere Kleider aus Stoffen der 1960er und 1970er Jahre angefertigt.

Kommen wir nochmals zurück zum Titel Ihres Projekts: Das „Miterleben“ scheint sich nicht auf den Inhalt der Bilder zu beschränken, wenn man sieht, auf welchem Weg sie verbreitet werden...

Das stimmt. Die Verbreitung dieses Projekts, das ausschließlich für das Internet bestimmt ist, ist untrennbar mit dem Prinzip des Miterlebens verbunden. Dieses Projekt kann sich weltweit jeder anschauen, der einen Internetzugang hat – und zwar unabhängig von seiner Sprache und Kultur. Vielleicht ist dieses Projekt auch in kleinem Maßstab ein Weg, nicht nur Bilder, sondern auch Herzen einander näher zu bringen.